Heike Hänsel (DIE LINKE):
Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Minister Niebel, das war ein bisschen sehr kurz.

(Paul Lehrieder (CDU/CSU): Aber sehr gehaltvoll!)

Ich denke, es gibt dazu noch etwas mehr zu sagen.
Ich möchte mich aber auf die sachliche Kritik konzentrieren, und diese muss Minister Niebel auch aushalten; denn er gehört nicht zu denjenigen, die sich mit Kritik zurückhalten.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Ute Koczy (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Das ist allerdings wahr! Das stimmt!)

Ein Minister auf Dienstreise lässt sich in der Deutschen Botschaft in Kabul eine Teppichauswahl vorlegen. Er kauft einen Teppich, und der Geheimdienst schmuggelt ihn am Zoll vorbei nach Deutschland.

(Dr. Erik Schweickert (FDP): Vorsicht! – Florian Hahn (CDU/CSU): Das ist nicht sachlich, Frau Kollegin! – Gegenruf des Abg. Niema Movassat (DIE LINKE): Das ist eine Tatsache! Nehmen Sie das mal zur Kenntnis! Das ist Schmuggel!)

Diese Nummer wäre eigentlich reif fürs Kabarett, wenn das Ganze nicht in einem so ernsten Umfeld stattfinden würde.

Herr Niebel war nämlich in einer Kriegsregion, wo unter anderem deutsche Soldaten Krieg führen, wo täglich Menschen durch Krieg sterben und wo ein Teppichkauf in meinen Augen eigentlich nicht zu einer Dienstreise gehört.

(Beifall bei der LINKEN)

Wir unterstellen ihm nicht, dass er irgendwelche Zollgebühren sparen und sich persönlich bereichern wollte. Diese Vorwürfe finde ich albern, Herr Niebel. Vielmehr geht es darum, dass Sie in verantwortungsvoller Position ein Gespür dafür haben müssen, was man machen kann und was nicht. Ich finde, dieses Gespür fehlt Ihnen.

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Das haben Sie in meinen Augen schon zu Beginn Ihrer Amtszeit gezeigt, indem Sie mehrfach manchmal auch heute noch mit Bundeswehrkappe in Afrika oder Lateinamerika unterwegs waren.

(Sabine Weiss (Wesel I) (CDU/CSU): Jetzt kommt die alte Leier!)

Dieses Bild ist eines Entwicklungsministers in meinen Augen nicht würdig.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Es erinnert an ungute deutsche Zeiten.

(Holger Krestel (FDP): Haben Sie ein Problem mit der Bundeswehr, oder wie müssen wir das verstehen?)

Das fand ich schon damals ein ganz großes Problem. Es zeigt, dass Ihnen, Herr Niebel, in manchen Bereichen, die in Ihrer Verantwortung liegen, das Gespür fehlt.

(Beifall bei der LINKEN – Patrick Döring (FDP): Ihr Geschmack ist ja Gott sei Dank nicht der Maßstab!)

In der Öffentlichkeit kann schnell der Eindruck entstehen, Sie fahren in eine Kriegsregion und am Ende kommt dabei ein Schnäppchenkauf heraus. Ich frage mich auch, ob es die Aufgabe der Deutschen Botschaft ist, eine Teppichauswahl zu organisieren. Auch diese Frage darf man stellen.

Dazu, dass keine Kinderarbeit in dem Teppich steckt, gab es nur eine lapidare Bemerkung. Wir fragen natürlich nach: Wie wollen Sie das eigentlich beweisen, vor allem angesichts des relativ geringen Preises für den großen Teppich? Das sind in meinen Augen ernsthafte Fragen.

Der eigentliche Skandal liegt für mich und für die Linke aber nicht in Ihrer Teppichnummer, sondern in Ihrer Entwicklungspolitik. Damit kommen wir zu den zentralen Punkten: Sie setzen auf Außenwirtschaftsförderung. Ferner gab es Skandale um merkwürdige Stellenbesetzungen, und in meinen Augen waren auch Personalbesetzungen im Ministerium oft inadäquat. Es geht auch um die sogenannte Fusion der verschiedenen Entwicklungsorganisationen.

(Patrick Döring (FDP): Das ist ein großer Erfolg!)

In meinen Augen wurde die gute Organisation DED zerschlagen. Sie ist nicht mit ihren Stärken in die sogenannte Fusion eingeführt worden. Sie haben noch sehr große Baustellen. Auch was Afghanistan angeht, wurden die Entwicklungsorganisationen unter Ihrer Regierung stärker ans Militär gebunden. Leider begann das unter Rot-Grün.

Herr Niebel, mir gefällt Ihre oft arrogante Haltung nicht – das habe ich auch schon erlebt – , wenn Sie in Ländern des Südens unterwegs sind, die nicht Ihren politischen Vorstellungen entsprechen, wie zum Beispiel in Lateinamerika, in Bolivien, in Ecuador, in Nicaragua.

(Hartwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU): Waren Sie dabei? Sie waren doch überhaupt nicht dabei! Was erzählen Sie denn?)

Sie treten sehr arrogant auf. Sie haben die Entwicklungszusammenarbeit mit Nicaragua wegen fehlender guter Regierungsführung eingestellt. Dazu sage ich: Das kann nicht sein, Herr Niebel. Dann müssen wir gleiche Maßstäbe anlegen. Ich fordere eine gute Regierungsführung für Deutschland.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Uns ärgert auch das ist eine gravierende Konsequenz dieser einfach auch doofen Teppichdiskussion , dass wir über viele wichtige Dinge in Afghanistan nicht sprechen. Vor einigen Tagen gab es dort ein Erdbeben mit über 80 Toten. Wer weiß davon?

(Sabine Weiss (Wesel I) (CDU/CSU): Darüber hätte man die Aktuelle Stunde machen müssen! – Zurufe von der FDP)

Wer spricht davon? Die Medien nicht. Aber Herr Niebel auch nicht. Es gab Tote durch NATO-Angriffe; es wurden über 18 Zivilisten getötet. Darüber spricht Herr Niebel auch nicht. Ich habe nichts von ihm gehört.

(Niema Movassat (DIE LINKE): Zuhören! Eine Tugend!)

Wir haben eine säkulare, progressive Partei in Afghanistan, die Solidaritätspartei, die gegen den Krieg kämpft. Gegen diese wurde ein Verbotsverfahren durchgeführt. Wir haben bei der Deutschen Botschaft mehrmals gefragt: Was macht die Bundesregierung? Wie reagieren das Auswärtige Amt und das Entwicklungsministerium? – Wir haben nichts gehört. Ich frage mich: Wo sind die Prioritäten?

(Zuruf von der FDP: Das fragen wir uns bei Ihnen auch! – Holger Krestel (FDP): Sie machen hier eine pillepalle Veranstaltung und halten uns vom Arbeiten ab!)

Sie treten mit Teppichaktionen in Afghanistan in Erscheinung, machen aber nicht den Mund auf, wenn Organisationen, die gegen den Krieg und die Warlords in Afghanistan kämpfen, verboten werden sollen. Das sind für mich entscheidende Punkte. Ich sage Ihnen: Herr Niebel, für mich ist der Teppichkauf kein Rücktrittsgrund,

(Beifall bei Abgeordneten der FDP)

aber die Entwicklungspolitik, die Sie gestalten, und die Fehlentscheidungen wären schon längst ein Rücktrittsgrund.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Vielen Dank!

Advertisements