Die entwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Heike Hänsel, im Gespräch mit dem kubanischen Essayisten und Wissenschaftler Enrique Ubieta Gómez und der Botschaftsrätin an der kubanischen Botschaft, Maria Esther Fiffe: „Die kubanische Hilfe für Haiti ist ein großartiges Beispiel für Süd-Süd-Solidarität. Dieses Engagement muss auch von Deutschland und der EU unterstützt werden.“

Vielen Dank, Enrique Ubieta Gómez und Maria Esther Fiffe, für die Gelegenheit zum Gespräch, auch wenn der Anlass ein trauriger ist. Nach dem katastrophalen Erdbeben in Haiti muss mit bis zu 200.000 Toten gerechnet werden. Die Hauptstadt Port-au-Prince und weitere Städte in der Umgebung sind fast völlig zerstört. Was viele westliche Medien verschweigen: Kuba gehörte zu den ersten Ländern, die nach dem Beben in Haiti Hilfe geleistet haben. Kubanische Ärztinnen und Ärzte sind bereits seit 1998, also lange vor dem Erdbeben vor Ort. Sie haben in vielen haitianischen Gemeinden die medizinische Grundversorgung aufrechterhalten. Nach dem Beben wurden die von ihnen geschaffenen Strukturen zum Anlaufpunkt für viele Helfer aus anderen Ländern. Enrique, du hast eine persönliche Beziehung zu Haiti. Zur Jahrtausendwende hast du einige Monate lang das Land bereist und dabei alle kubanischen Gesundheitsstationen in Haiti besucht. Wie hast du Haiti erlebt?

Ubieta: Ich hatte damals eine Rundreise durch die mittelamerikanischen Länder gemacht. In all diesen Ländern gibt es kubanische Ärztinnen und Ärzte. Die letzte Station auf meiner Reise war Haiti, wo ich drei Monate lang mit dem Rucksack und mit öffentlichen Verkehrsmitteln – im Bus oder auf dem Lastwagen – durch das ganze Land gefahren bin. Meist war ich der einzige Weiße weit und breit. Die Leute halten zunächst einmal jeden Weißen für reich. Wenn ich Platz nahm in einem der überfüllten Busse oder auf der Ladefläche eines Lasters, fingen die Menschen natürlich an zu tuscheln. Aber schließlich war ich immer wieder überrascht, wie gastfreundlich und hilfsbereit die Menschen sind.

Wir Kubaner haben zu Haiti ein besonderes Verhältnis. Unser Nationalheld José Marti hat einige Zeit in Haiti verbracht. Ich habe in Cap-Haïtien das Haus besucht, in dem er 1892 gewohnt hat. Unser Dichter Alejandro Carpentier beschrieb in seinem Roman „Das Reich von dieser Welt“ die magisch-religiöse Kraft der haitianischen Kultur, die bereits im Unabhängigkeitskrieg Ende des 18. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle gespielt hat. Auch gab es während des ganzen 20. Jahrhunderts haitianische Migration nach Kuba, um die sich viele Geschichten ranken. Unter den kubanischen Ärztinnen und Ärzten, die nach dem Hurrikan George 1998 nach Haiti gingen, waren viele haitianischer Herkunft.

Unter welchen Umständen arbeiten die Kubanerinnen und Kubaner in Haiti?

Ubieta: Als ich nach Haiti kam, war ich von der unglaublichen Armut geschockt. Nach meiner Reise durch Mittelamerika dachte ich, ärmer geht es nicht mehr. Aber Haiti ist tatsächlich noch ärmer. Die Menschen sind gezwungen, irgendwie mit Handel und kleinen Dienstleistungen zu überleben. Auch der Staat ist arm. Die öffentlichen Krankenhäuser haben kein Geld, um ihre Ärzte zu bezahlen. Sie müssen deshalb Gebühren von den Patienten erheben. Wer nicht bezahlen kann, wird nicht behandelt. Egal, wie schwer verletzt er oder sie ist. Die kubanischen Ärztinnen und Ärzte waren aus ihrer Heimat natürlich anderes gewöhnt. Sie führen in Haiti Behandlungen kostenlos durch. Aber aufgrund des großen Andrangs sind sie gezwungen, die schwersten Fälle auszusuchen. Schwangere und Kinder haben immer Vorrang. Viele andere müssen immer wieder vertröstet werden. Das ist für die Ärztinnen und Ärzte sehr belastend.

Eines Tages besuchte ich mit einem kubanischen Arzt einen Patienten, der auf der Insel La Tortue in einer kleinen Hütte am Strand lebte. Er befand sich in einem ernsten Zustand. Plötzlich tauchte zwischen der Insel La Tortue und der haitianischen Küste ein riesiges blütenweißes Kreuzschiff auf. Wie eine schwimmende Stadt. Luxus pur. Wir konnten die Menschen auf dem Schiff nicht erkennen – und ich bin sicher, sie uns auch nicht. Es war ein skurriler Moment: Zwei unterschiedliche Welten auf kleinstem Raum, die sich gegenseitig nicht wahrnehmen.

Heike, Sie haben 2007 eine Delegation des Entwicklungsausschusses in Haiti geleitet. Wie waren deine Eindrücke damals?

Hänsel: Mir ging es ähnlich wie Enrique. Ich war ebenfalls geschockt. Auf derselben Reise haben wir Nicaragua besucht, das ebenfalls zu den ärmsten Ländern der Region zählt. Aber welch ein Unterschied! Man merkt noch, dass es in Nicaragua einmal eine sozialistische Revolution gegeben hat. Aus der damaligen Zeit sind noch viele Strukturen vorhanden. In Haiti hingegen gibt es das nicht. Als ich damals mit dem Auto ins Zentrum von Port-au-Prince fuhr, konnte ich es als solches gar nicht ausmachen. Ich dachte, ich befände mich noch in den Armenvierteln der Peripherie – und das trotz der jahrelangen UN-Präsenz, trotz der vielen Milliarden Dollar, die die Militärmission MINUSTAH kostet. Die größte Herausforderung wird sein, in Haiti endlich eine Infrastruktur für die Bevölkerung aufzubauen. Ich möchte Enrique in diesem Zusammenhang fragen, wie er die Hilfe und die starke Militärpräsenz der USA in Haiti beurteilt.

Ubieta: Die Losung in diesem Moment lautet: Jede Hilfe für Haiti wird gebraucht. Alle Bedingungen, die nötig sind, damit Hilfe geleistet werden kann, müssen geschaffen werden. Aber es wäre besser, wenn die Vereinten Nationen die Koordination der Hilfe übernehmen würden.

Enrique, was können Sie über den Umfang der kubanischen Hilfe für Haiti vor und nach dem Erdbeben sagen?

Ubieta: Die kubanische Unterstützung läuft seit Dezember 1998. Damals hatte Fidel Castro den Industrieländern eine Kooperation für Haiti vorgeschlagen und sie gebeten, Medikamenten, Material und Apparate beizusteuern. Er hat nicht einmal eine Antwort erhalten. Wir haben es also allein gemacht. Nach dem Durchzug des Hurrikans George war Hilfe dringend geboten. Seit damals waren über 6000 kubanische Ärztinnen, Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger in Haiti im Einsatz. Gleichzeitig sollte die Unterstützung nachhaltig und nicht dauerhaft von der Anwesenheit kubanischer Ärztinnen und Ärzte abhängig sein. Wir haben deshalb angefangen, in Kuba haitianische Medizinerinnen und Mediziner auszubilden.

Zum Zeitpunkt des Erdbebens waren über 400 Kubanerinnen und Kubaner bereits vor Ort. Gemeinsam mit 240 in Kuba ausgebildeten haitianischen Medizinerinnen und Medizinern konnten sie schnell reagieren. In der Woche nach dem Beben haben sie 14.551 Verletzte versorgt und dabei 1252 chirurgische Eingriffe vorgenommnen. Sie konnten auf ein funktionierendes System zurückgreifen, von dem nun auch Helfer aus anderen Ländern profitieren. In den kubanischen Krankenhäusern arbeiten jetzt auch Ärztinnen und Ärzte aus Venezuela, Chile, Mexiko, Kolumbien, Kanada, Spanien und anderen Ländern. Sogar Nonnen arbeiten mit uns zusammen.

Rechnen Sie damit, dass diese in der Not geborene internationale Zusammenarbeit ein Modell für die Zukunft wird?

Ubieta: Ich hoffe das. Kuba ist bereit, seinen Beitrag dazu zu leisten, und kann viele Erfahrungen aus der Arbeit in zahlreichen lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern in eine solche Zusammenarbeit einbringen. Wir haben allein in Haiti über 100.000 Erwachsene alphabetisiert.

Wir alle haben eine Schuld gegenüber Haiti abzutragen. Ich erinnere daran, dass Haiti die erste schwarze Republik und der erste unabhängige Staat Lateinamerikas war. Es hat den südamerikanischen Freiheitskämpfer Simon Bolívar unterstützt. Die Abschaffung der Sklaverei haben die Haitianerinnen und Haitianer selbst erkämpft und nicht von Frankreich als Gnade entgegengenommen.

Hänsel: Ich habe die Hoffnung, dass die schlimme Situation in Haiti die internationale Solidarität mobilisiert und eine neue Atmosphäre der Zusammenarbeit geschaffen hat. Immerhin gibt es nun die positive Erfahrung der gemeinsamen Hilfe über alle Grenzen hinweg. Diese positive Erfahrung müssen wir zum EU-Lateinamerika-Gipfel im Mai in Madrid tragen: als Appell für neue solidarische und gleichberechtigte Beziehungen zwischen der EU und Lateinamerika bzw. zwischen der EU und Kuba. Kooperation statt Dominanz – die gemeinsame Hilfe für Haiti könnte ein Anfang sein.

Die Fraktion DIE LINKE arbeitet ja bereits eng mit den Botschaften Kubas, Venezuelas und anderer linker Regierungen in Lateinamerika zusammen. Wir werden die Forderung in den Bundestag bringen, das kubanische Kooperationsangebot von 1998 unter den aktuellen Bedingungen endlich aufzugreifen. Dazu werden wir noch vor dem Gipfel einen parlamentarischen Antrag vorbereiten und vorschlagen, dass Deutschland eine solche Entwicklungspartnerschaft mit Kuba zugunsten von Haiti aufnimmt. Kuba hat seine entwicklungspolitische Kompetenz bereits eindrucksvoll unter Beweis stellt. Die lange Tradition internationaler Solidarität, die Kuba vorweisen kann, ist weltweit einmalig und verdient unsere Unterstützung. Initiativen von Nichtregierungsorganisationen, die darauf ausgerichtet sind, die Arbeit der kubanischen Ärztinnen und Ärzte in Haiti durch private Spenden zu unterstützen, sind dazu eine gute Ergänzung.

Fiffe: Vielen Dank, Heike Hänsel, für diese sehr gute Initiative. Die kubanische Seite wird ein konkretes Angebot unterbreiten, was sie zu einer solchen Dreiecks-Kooperation zugunsten von Haiti beitragen kann. Kuba ist zu einer solchen Zusammenarbeit bereit. Eine entsprechende Initiative aus Deutschland wäre uns sehr willkommen.

Es fällt auf, dass über die kubanische Hilfe in Haiti international kaum berichtet wird.

Ubieta: Ja, es ist leider immer so: Schlechte Nachrichten aus Kuba erscheinen in den westlichen Zeitungen auf Seite 1, alles Gute, das aus Kuba kommt, wird verschwiegen oder auf hintere Seiten verbannt. In der spanischen Zeitung El Pais wurden kürzlich auf einer Weltkarte die Länder markiert, die jetzt in Haiti aktiv sind. Kuba tauchte nicht auf. Das macht uns traurig und wütend. Andererseits sind wir Kubaner an diese Art der Fehlinformation gewöhnt. Und natürlich leisten wir die Hilfe nicht, um eine gute Presse zu bekommen. Haiti ist jetzt ein Theaterschauplatz. Alle Welt will im Scheinwerferlicht stehen. Als die Scheinwerfer noch nicht angeworfen waren, hat leider niemand nach Haiti geschaut.

Interview: Alexander King

linksfraktion.de, 25. Januar 2010

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