Von Malalai Joya – 14. Mai 2009

Als gewählte Repräsentantin von Farah, Afghanistan, schließe ich mich denjenigen Stimmen an, welche die NATO-Bombardierung mit über 150 Toten in meiner Provinz Anfang Mai verurteilen. Dieses jüngste Massaker bietet der Welt einen Einblick in die Schrecken, unter denen unsere Bevölkerung leidet.

Wie ich auf einer Pressekonferenz in Kabul am 11. Mai erklärt habe, wollen die US Militärbehörden diese Realität dennoch nicht wahrnehmen. Wie üblich haben sie versucht, die Zahl der getöteten Zivilisten herunterzuspielen, aber mir liegen Informationen vor, nach denen 164 Zivilisten bei den Bombardierungen getötet wurden. Ein von Trauer gezeichneter Mann aus dem Dorf Geranai erklärte auf der Pressekonferenz, dass er 20 Mitglieder seiner Familie bei dem Massaker verloren hat.

Darüber hinaus scheint die afghanische Regierungskommission die Zahl der getöteten Kinder, die jünger als drei Jahre alt waren, zu verschweigen. Die Regierungskommission, welche nach drei Tagen zu dem Dorf reiste – als bereits alle Opfer von den Dorfbewohnern in Massengräbern beerdigt worden waren – ist nicht dazu bereit, diese Liste zu veröffentlichen. Wie können die Leben von Afghanen mit einem solchen Mangel an Respekt behandelt werden?

Die Neuigkeit der letzten Woche ist, dass die Vereinigten Staaten ihren höchsten Militäroberbefehlshaber in Afghanistan ausgewechselt haben, aber ich denke, dass dies nur ein Trick ist, um unsere Leute zu täuschen. Mit diesem Manöver wird die Verantwortung für die allgemein desaströse Strategie in Afghanistan einer Einzelperson zugeschoben.

Der afghanische Botschafter in den USA sagte in einem Interview mit Al Jazeera, dass, wenn eine “angemessene Entschuldigung” folgen würde, die Menschen diese zivilen Toten “verstehen werden”. Aber die Afghanen wollen nicht nur “Entschuldigung” hören. Wir fordern ein Ende der Besatzung von Afghanistan und die Beendigung solch tragischer Kriegsverbrechen. Die Demonstrationen von Studierenden und anderen gegen diese jüngsten Luftangriffe und die Proteste von Hunderten von Frauen in Kabul, zeigen der Welt einen Weg auf hin zu einer wirklichen Demokratie in Afghanistan.

Trotz der weit verbreiteten Verfolgung und Bedrohung von Frauen, sind Frauen auf die Straßen gegangen und haben verlangt, dass das Gesetz zur Legalisierung von Vergewaltigung in der Ehe und zur Kodifizierung der Unterdrückung von schiitischen Frauen in unserem Land zurückgezogen wird. Ebenso wenig wie die US Luftangriffe den Afghanen Sicherheit gebracht haben, hat die Besatzung auch den afghanischen Frauen Sicherheit beschert. Ganz im Gegenteil.

Dieses mittlerweile berüchtigte Gesetz ist nur die Spitze des Eisbergs der frauenrechtlichen Katastrophe in unserem besetzten Land. Das ganze System, besonders die Gesetzgebung, ist mit dem Virus des Fundamentalismus infiziert und so können in Afghanistan Männer Verbrechen gegen Frauen begehen, ohne Strafverfolgung fürchten zu müssen. Die Zahlen von Entführungen, Gruppenvergewaltigungen, und häuslicher Gewalt sind so hoch wie nie zuvor, und auch die Zahl der Frauen, die sich selbst verstümmeln oder Selbstmord begehen, ist besorgniserregend gestiegen. Es ist äußerst tragisch, dass Frauen sich lieber selbst verbrennen, als das Leben in der Hölle unseres „befreiten“ Landes zu ertragen.

Die afghanische Verfassung beinhaltet Klauseln für Frauenrechte – ich selbst war eine von vielen weiblichen Delegierten in der Loya Jirga (verfassungsgebende Versammlung) 2003, die sich dafür eingesetzt haben, diese Festlegungen aufzunehmen. Aber dieses Gründungsdokument für das „neue Afghanistan“ war auch von dem starken Einfluss der Fundamentalisten und Warlords gezeichnet, mit denen Karzai und der Westen von Anfang an Kompromisse geschlossen haben.

In der Tat war ich nicht wirklich überrascht von dem jüngsten Gesetz gegen Frauen. Als die USA und ihre Alliierten die Taliban durch die alten, bekannten Warlords und Fundamentalisten der Nordallianz ersetzt haben, konnte ich sehen, dass der einzige Fortschritt, den wir erleben würden, vom Regen in die Traufe führen würde.

In den letzten Jahren hat es eine ganze Serie von haarsträubenden Gesetzen und Gerichtsentscheidungen gegeben. Ein Beispiel ist das verabscheuungswürdige Gesetz zur „nationalen Versöhnung“, das Warlords und Kriegsverbrechern, von denen viele im afghanischen Parlament sitzen, Immunität vor Strafverfolgung gewährt. Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung haben die Weltmedien und Regierungen dieses Gesetz ignoriert.

Meine Opposition zu diesem Gesetz war einer der Gründe, weshalb ich, eine gewählte Abgeordnete aus der Provinz Farah, im Mai 2007 aus dem Parlament geworfen wurde. Noch aktueller ist der Fall des jungen Studenten Parvez Kambakhsh, der nur für die angebliche Verbreitung eines kritischen Artikels an der Universität mit einer 20-jährigen Haft bestraft wurde.

Uns wird erzählt, dass zusätzliche US- und NATO-Truppen nach Afghanistan kommen, um bei der anstehenden Präsidentschaftswahl Sicherheit zu gewähren. Aber, offen gesagt, legen die Afghanen keine Hoffnung in diese Wahl – wir wissen, dass es keine wirkliche Demokratie unter der Herrschaft der Gewehre der Warlords, Drogenmafia und Besatzung geben kann.

Mit Ausnahme von Ramazan Bashardost sind alle anderen Kandidaten die bekannten, diskreditierten Gesichter, die zur Mafia-ähnlichen und gescheiterten Regierung von Hamid Karzai gehören. Wir wissen, dass eine Marionettenregierung durch eine andere ersetzt werden kann und dass der Gewinner dieser Wahl mit hoher Wahrscheinlichkeit hinter den geschlossenen Türen des Weißen Hauses und des Pentagons ausgewählt werden wird. Ich muss damit schließen, dass diese Präsidentschaftswahl nur ein Schauspiel ist, um die zukünftige US-Marionette zu legitimieren.

Wie im Irak hat der Krieg keine Befreiung nach Afghanistan gebracht. In beiden Kriegen ging es nicht wirklich um Demokratie oder Gerechtigkeit, oder die Bekämpfung terroristischer Gruppen. Stattdessen ging und geht es um die strategischen Interessen der USA in dieser Region. Wir Afghanen mochten nie eine Pfandsache im “Great Game” des Imperiums sein, wie die Briten und Sowjets in den vergangenen Jahrhunderten zu spüren bekommen haben.

Es ist eine Schande, dass so viel von Afghanistans Wirklichkeit unter Verschluss gehalten wird vom westlichen Medienkonsensus, der den “guten Krieg” unterstützt. Möglicherweise, wenn die Bürger von Nordamerika besser über mein Land informiert wären, hätte Präsident Obama es nicht gewagt, mehr Truppen zu schicken und das Steuergeld der Bürger für einen Krieg auszugeben, der nur mehr Leiden für die Bevölkerung erzeugt und die Region in immer tiefere Konflikte stürzen wird.

Eine “Flut” an Truppen in Afghanistan und anhaltende Luftangriffe werden nicht dazu beitragen, die Befreiung der afghanischen Frauen zu erreichen. Das einzige, was diese militärische Strategie erreicht, ist, die Zahl der zivilen Opfer und den Widerstand gegen die Besatzung zu erhöhen.

Um afghanischen Frauen wirklich zu helfen, müssen die Bürger der USA und anderer Länder ihre Regierungen dazu auffordern, damit aufzuhören, ein Regime von Warlords und Extremisten zu unterstützen und zu schützen. Wenn diese Verbrecher endlich zur Rechenschaft gezogen werden, können afghanische Frauen und Männer unter Beweis stellen, dass sie sehr wohl in der Lage dazu, sind sich selbst zu helfen.

Malalai Joya war das jüngste Mitglied des afghanischen Parlaments, sie wurde 2005 in der Provinz Farah gewählt. Im Mai 2007 wurde sie illegal vom Parlament suspendiert.

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