23.01.2009

Zum Gaza-Krieg ein Interview mit der israelischen Friedensaktivistin Inna Michaeli (Coalition of Women for Peace, Jerusalem), die auf Einladung der Linksfraktion in Deutschland und auch in Stuttgart und Tübingen zu Gast war. Die Fragen stellte Heike Hänsel, MdB.

Inna, wie beurteilt die israelische Bevölkerung die Militäraktionen im Gaza-Streifen?

Die Mehrheit befürwortet leider noch diese Militäraktionen, weil sie die offizielle Version des „Abzugs“ der israelischen Armee aus dem Gaza-Streifen glaubt, auch wenn sie falsch ist. Die Leute wollen einfach nicht wahr haben, daß Gaza in den letzten 3 Jahren unter israelischer Belagerung war und sie sehen die Hamas als allein verantwortlich an für die schlechte Situation der Bevölkerung in Gaza. Zudem zeigen die israelischen Medien kaum etwas von den Kriegsopfern, den Toten, Verletzten und all dem anderen Leid. So ist es eben einfach nur die offizielle „Selbstverteidigungs-Geschichte“. Trotzdem, ähnlich zum Libanon-Krieg, je mehr Zeit vergeht, je mehr Menschen sterben, wird es doch für viele immer deutlicher, daß dieses Massaker nirgendwo hinführt und mehr und mehr Teile der israelischen Gesellschaft (die sog. zionistische Linke) beginnen für einen Waffenstillstand und für Verhandlungen zu plädieren.

Wie ist die Position der israelischen Friedensbewegung, welche Aktivitäten gibt es?

Die Medien in Deutschland bringen darüber sehr wenig…Von Kriegsbeginn an kam sofort der Widerstand von den „radikalen“ Friedens- und Antibesatzungsgruppen und vielen PalästinenserInnen, die in Israel leben. Es gab einen Prozeß der Politisierung unter den PalästinenserInnen, z.B. beteiligten sich an der Frauendemonstration in Haifa viele Palästinenserinnen, die zuvor eher nicht politisch aktiv waren. Wir konzentrieren uns natürlich zu aller erst auf einen starken sichtbaren Protest in Israel und auf die Solidarität mit den Opfern in Gaza. Dann versuchen wir auch die internationale Gemeinschaft zu erreichen durch zahlreiche Netzwerke (z.B. Frauen in Schwarz international), um die Welt wissen zu lassen, daß wir von unserer eigenen Regierung als Geisel genommen wurden und durch dieses tödliche „Abenteuer“ gefährdet werden, nur damit sie bei den kommenden Wahlen gut abschneidet.

Was erwartet ihr von der deutschen Friedensbewegung?

Wir erwarten uns natürlich Solidarität und die Entwicklung eines auf einander abgestimmten Rahmens, in dem wir gemeinsam die politische Situation im Nahen Osten, die so internationalisiert ist, interpretieren und dann agieren können. Speziell auch für Menschen, denen Israel sehr am Herzen liegt. Denn trotz allem, Israel ist nicht nur ein Haufen von Generälen, die UN-Schulen bombardieren. Israel ist auch eine Zivilgesellschaft mit einigen kritischen, unabhängigen Menschen, FriedensaktivistInnen, Feministinnen und gerade wir brauchen Unterstützung und Solidarität. Die weltweite Friedensbewegung ist damit konfrontiert, mit komplexen Problemen umzugehen. Und gerade die deutsche Friedensbewegung hat die Aufgabe und Chance eine Politik zu entwickeln, die der Geschichte und den Lebensinteressen von Israelis und PalästinenserInnen Rechnung trägt. Dazu bedarf es der Überzeugung, einerseits gegen Antisemitismus und andere Formen von Rassismus und andererseits gegen Besatzung und Unterdrückung, wie sie die palästinensische Bevölkerung erleidet, zu kämpfen. Es ist meines Erachtens entscheidend, daß diese beiden Kämpfe als miteinander verknüpft und nicht als sich widersprechend gesehen werden.

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