Sozialistische Tageszeitung „Neues Deutschland“, 19.7.08

Ein Gespräch mit der afghanischen Frauenrechtlerin Zoya

Zoya (geb. 1978) ist Mitglied der RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan), einer humanitären und politischen Organisation, die sich seit 1977 friedlich für die Frauenrechte und säkulare Demokratie in Afghanistan einsetzt. Seit dem Erscheinen ihrer Lebensgeschichte »Zoya. Mein Schicksal heißt Afghanistan« (2002) ist sie, die wie ihre Mitstreiterinnen im Untergrund lebt und ihren wirklichen Namen aus Sicherheitsgründen geheim hält, international bekannt. 2001 erhielt RAWA für ihr mutiges Engagement den Mona-Lisa-Preis des ZDF. Mit Zoya sprach Heike Hänsel, Bundestagsabgeordnete der LINKEN.

Wie war die Lage der Frauen und ihrer Organisation RAWA in Afghanistan vor dem Einmarsch der internationalen Truppen 2001?

Zoya: Vor dem 11. September 2001 war die internationale Gemeinschaft völlig blind und taub gegenüber der Tragödie in Afghanistan, vor allem mit Blick auf die Taliban und das Leid der Frauen. Wir RAWA-Frauen nahmen ein großes Risiko auf uns, wenn wir Menschenrechtsverletzungen dokumentierten und das dann international verbreiteten. Wir baten darum, uns dabei zu helfen, die Fälle von Steinigungen, Vergewaltigungen, Verstümmelungen und Hinrichtungen öffentlich zu machen und anzuprangern.

Die Taliban nannten die Schultore »Einfahrt zur Hölle«, Computer und Fernsehen wurden als Teufelswerkzeug verdammt, sie setzten das Tragen der Burka durch. Aber die internationale Gemeinschaft hat vor 2001 die Zustände entweder ignoriert oder wie im Fall der Taliban durch die CIA und die US-amerikanische Außenpolitik sogar erst kreiert und gestützt. Wir können nicht vergessen, dass Bin Laden ein CIA-Boy war!

Was hat sich an der Situation seit 2001 geändert?
Nach dem 11. September begannen die USA, Afghanistan mit den modernsten Waffen zu bombardieren. Damals sagten viele: Wer auch immer kommen mag, er soll Schluss machen mit den Taliban. Aber sieben Jahre später sehen wir, was mit dem Land geschehen ist. Milliarden Dollar flossen nach Afghanistan, angeblich, um den Armen zu helfen, Bildung und Gesundheit zu verbessern. Doch die Situation wird von Tag zu Tag schlechter. Unsere Organisation hat immer gewarnt, dass der Westen stets die schlimmsten Feinde unterstützt hat, wie die Dschihadi-Gruppen der Nordallianz während des Kalten Krieges. Sie warnte auch davor, dass diese Unterstützung der Fundamentalisten nicht nur für Afghanistan, sondern für die ganze Welt eine enorme Gefahr birgt. Und nun wiederholen die westlichen Regierungen, auch Deutschland, diesen Fehler. Heute ist die Nordallianz durch die Hilfe der westlichen Besatzungstruppen wieder erstarkt, der Westen macht Kompromisse und kollaboriert mit lokalen Warlords und Drogenbaronen.

Was heißt das konkret für die Bevölkerung?
Die Bevölkerung sieht, dass 43 Länder in Afghanistan militärisch präsent sind, Tausende von Soldaten und Milliarden von Dollar, aber nach wie vor gibt es kein sauberes Trinkwasser, keine Elektrizität. Familien verkaufen auf den Straßen ihre Kinder, weil sie Hunger haben. Nur einen Kilometer vom Präsidentenpalast in Kabul entfernt sterben die Menschen vor Hunger. Sie müssen sich nur Interviews im afghanischen Fernsehen ansehen. Da klagte ein Mann, wie teuer alles sei. »Wir verhungern hier. Sagen Sie Präsident Karsai, dass er eine Bombe über uns abwerfen soll, weil wir dieses Leben nicht mehr wollen.« Gewiss ist das keine Lösung, aber diese Worte zeigen die Ohnmacht und Wut nicht nur dieses Mannes, sondern von 99 Prozent der Bevölkerung, die völlig verarmt sind.

Unlängst traten die Lehrer Kabuls und anderer Provinzen in den Hungerstreik, weil die Regierung ihnen für zwei Monate keine Gehälter ausgezahlt hatte. Ihr Einkommen liegt bei umgerechnet 60 Euro im Monat, das ist nicht einmal genug, um einen Sack Mehl zu kaufen, der kostet 70 Euro!

Kabul wird wegen der vielen Stromausfälle auch die dunkelste Hauptstadt der Welt genannt, und die Einheimischen witzeln, dass der Energieminister eigentlich der Minister der Kerzen sei.

Ein anderes wichtiges Problem ist der Opium-Anbau.
Letztes Jahr hat Afghanistan unter den Augen der Besatzungstruppen die größte Opiumernte eingefahren und produziert nun den Rekord von 93 Prozent allen Opiums weltweit. Und auch hier leiden Frauen am meisten, denn es gibt neuerdings ein Konzept, das »Opiumbräute« heißt. Arme Bauern, die nicht in der Lage dazu sind, die Drogendealer zu bezahlen, müssen ihnen stattdessen ihre Töchter überlassen.

Es gibt keine Sicherheit. Täglich werden Schulen und Wohnhäuser niedergebrannt. Vergewaltigung ist sehr, sehr üblich, aber die Familien sprechen nicht darüber, weil es für die Familien eine Schande ist. Selbst kleine Mädchen und alte Frauen werden vergewaltigt. Und oft gibt nicht einmal strafrechtliche Konsequenzen, wie jüngst, weil der Vater des Vergewaltigers Abgeordneter ist. Es herrscht das Gesetz des Dschungels. Und wir sollten dabei nicht vergessen, dass Kabul nur ein kleiner Ausschnitt Afghanistans ist, sogar die USA gaben zu, dass Karsai nur 30 Prozent des Landes unter seiner Kontrolle hat. In den Provinzen herrschen die Kriegsherren, Taliban und Drogenbarone.

Ich möchte zudem betonen, dass all diese Verbrechen vor den Augen der ausländischen Truppen geschehen.

Worin bestehen Ihrer Einschätzung nach heute die Hauptprobleme der afghanischen Frauen?
Das eine ist der Fundamentalismus, das andere die häusliche Gewalt. Die Lage der Frauen hat sich überhaupt nicht verbessert. Gerne wird darauf verwiesen, dass es ihnen doch besser ginge, weil nun die Schultüren offen stehen und die Burka nicht mehr getragen werden muss. Aber die Burka ist aus meiner Sicht nicht das Problem, die Gewalt ist das Problem. Ja, Schulen sind da, aber die Eltern in den ländlichen Provinzen schicken ihre Kinder nicht hin, weil sie Angst vor Entführungen haben.

Wie stehen Sie zum Thema Truppenabzug?
Wir glauben, dass Amerika nicht ehrlich ist. Unsere Leute kennen jetzt die versteckten Gründe für diesen Krieg, in dem es zuerst um die Interessen der USA geht und nicht um die Befreiung der afghanischen Bevölkerung. Wenn Tausende Menschen in der Kälte sterben, kann ich nicht von einer Naturkatastrophe sprechen. Das Land hat über 20 Milliarden Dollar Hilfsgelder erhalten – wieso müssen Menschen im Winter sterben?

Die USA wollen die Taliban gar nicht wirklich besiegen, liefern sie ihnen doch den Vorwand, um in Afghanistan bleiben zu können. Die internationalen Truppen machen nur Kompromisse mit unseren Feinden, und daher sagen wir: »Es ist besser, ihr verschwindet.«

Einige Leute behaupten, dann würde ein neuer Bürgerkrieg ausbrechen. Es ist natürlich unsere Verantwortung, aufzuwachen und uns selbst zu befreien. Wenn der Westen nur kurz geblieben wäre, Taliban und Nordallianz entwaffnet und die demokratischen Kräfte gestärkt hätte, in Ordnung. Aber sie bringen die Verbrecher nicht vor das Internationale Kriegsverbrechertribunal und haben in den vergangenen sieben Jahren die Situation verschlimmert.

Was erwarten Sie konkret von Ihrem Besuch in Deutschland?
Wir möchten uns zunächst ganz herzlich bei der Linksfraktion im Bundestag für die Gelegenheit bedanken, hier über das Leiden unserer Bevölkerung sprechen zu können. Wir hoffen, dass es in Zukunft mehr Einladungen nach Deutschland geben wird, denn leider ist es seit 2001 nicht mehr dazu gekommen. Damals hatten wir Beziehungen zu den Grünen und erhielten den Mona-Lisa-Preis vom ZDF. Aber als wir uns dann für den Truppenabzug ausgesprochen haben, wurden wir nicht mehr eingeladen.

Wir leben von Spenden und momentan ist unsere finanzielle Situation wirklich schlecht. Wir fordern die deutsche Regierung und die deutschen Parteien dazu auf, nicht mehr blind der USA-Politik zu folgen, sondern demokratische Kräfte wie RAWA zu unterstützen.

Quelle:
http://www.neues-deutschland.de/artikel/132296.wir-sterben-vor-hunger.html


Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

»Dem Frieden eine Chance – Truppen raus aus Afghanistan«
Eine gemeinsame Publikation des Arbeitsausschusses Afghanistankongress und der Tageszeitung »Neues Deutschland« (Berlin).

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