Malalai Joya (l.) im Gespräch mit Heike Hänsel (r.), entwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Malalai Joya wurde als jüngste Parlamentarierin Afghanistans weltberühmt. Aufgrund ihrer Kritik an Besatzung, Regierung und Warlords muss sie heute in wechselnden Verstecken leben. Nach über zehn Jahren Besatzung in Afghanistan überlebte sie gerade den sechsten Mordanschlag. Heike Hänsel sprach mit Malalai Joya.

Heike Hänsel: Am 10. März haben Sie den sechsten Mordversuch überlebt. Können Sie uns einen kurzen Bericht über den Angriff geben?

Malalai Joya: Einen Tag nach meinem Besuch in Farah wurde mein Büro von zwei bewaffneten Männern angegriffen. Als meine Wachen sich wehrten, eröffneten die Angreifer ein Gefecht, bei dem meine Mitarbeiter Schusswunden erlitten.
Einerseits ist dieser Angriff relativ unbedeutend für mich, angesichts des enormen Leidens meiner Landsleute. Meine Sorge gilt meinen Leibwächtern, die einfache Menschen sind und mich aus freiem Willen beschützen. Aber diese terroristischen Angriffe werden mich nie davon abhalten, für Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit zu kämpfen.

Wen vermuten sie hinter den Angreifern? Sind die beiden Männer bekannt? Werden sie für ihre Tat zur Verantwortung gezogen und strafrechtlich verfolgt?

Ich vermute, dass die Feinde der afghanischen Bevölkerung hinter der Tat stecken – die kriminellen Fundamentalisten, die terroristischen Taliban und die Elemente des von den USA und anderen westlichen Regierungen gestützten Mafia-Regimes. Aber welche Gruppe es ist, wissen wir noch nicht. In einem Land, in dem so viel Ungerechtigkeit herrscht, wo die Medien, die Polizei und das Rechtssystem in den Händen der brutalsten und verbrecherischen Warlords ist, gibt es keine wirkliche Untersuchung des Vorfalls. Selbst wenn die Täter gefasst werden sollten, werden sie sofort wieder freigelassen. Diese Art von Verbrechen wird es immer geben, solange die US-Besatzung andauert und die Fundamentalisten an der Macht sind.

Wie ist die Stimmung in der afghanischen Bevölkerung nach dem Amoklauf eines US-Soldaten zur selben Zeit, bei dem 16 Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder, getötet wurden?

Die Leute wissen sehr genau, dass die USA, wo auch immer sie intervenieren, Zerstörung und Tod bringen. In dem Sinne ist dieser Amoklauf keine Überraschung. Seit 2001 sind Zehntausende unschuldige Zivilisten getötet worden. US-Soldaten haben auf afghanische Tote uriniert und den Koran verbrannt, was meine Landsleute sehr wütend macht. Das größte Verbrechen und der schlimmste Verrat aber ist die Schaffung und Unterstützung der fundamentalistischen Warlords und der Frauen hassenden Taliban durch die USA. All diese Verbrechen sind US-Regierungen zuzuschreiben, die eine blutige Geschichte haben: Sie haben den Irak in Asche verwandelt, sie haben Libyen besetzt und ins Desaster geführt, indem sie Marionetten installiert haben. Und nun drohen sie mit einer Intervention in Syrien.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gerade Afghanistan besucht und angesichts der schwierigen Sicherheitslage in Betracht gezogen, die Truppen doch später als 2014 abzuziehen. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Es wird wieder einmal deutlich, dass die USA und ihre Alliierten keine Pläne für einen Truppenabzug haben, und dass sie die Menschen diesbezüglich täuschen. Von Anfang an hatten sie ihre eigenen geostrategischen, ökonomischen Interessen in Afghanistan und wollten es zu ihrer Militär- und Geheimdienstbasis in Asien machen. Selbst wenn es einen Truppenabzug geben sollte, werden weiterhin viele tausend Besatzungssoldaten in Afghanistan stationiert bleiben. Auch wenn der Polizeiaufbau weitergeht, werden die einheimischen Polizisten nur Kanonenfutter sein, um die Todeszahlen unter den ausländischen Soldaten zu senken.

Anfang März haben Rechtsgelehrte der Ulema verkündet, dass sie die Trennung der Geschlechter durchsetzen wollen, indem sie Frauen zum Beispiel verbieten, ohne männliche Begleitung auf die Straße zu gehen. Diese Initiative hat Präsident Karzai begrüßt. Wie beurteilen sie diesen Angriff auf die Rechte der Frauen in Ihrem Land?

Die frauenfeindlichen Ulema-Rechtsgelehrten denken nicht an die schrecklichen Verbrechen, die gegen junge Mädchen und Frauen begangen werden. Es gab Fälle von Mädchen, jünger als vier Jahre, die von mehreren Männern vergewaltigt wurden. Frauen werden mit Säure verätzt, ihre Nasen, Ohren, Zehen oder Finger werden abgeschnitten. Sie werden aufgehängt oder entkommen ihrem Leiden durch Selbstverstümmelung oder Selbstmord. Die Ulema, die von Fundamentalisten, Taliban, Warlords und Karzai geschaffen und mit Macht ausgestattet wurde, macht das Frauenrechtsdesaster nur noch schlimmer. Aber ich glaube fest daran, dass die Frauen eines Tages aufstehen und eine bestimmende Kraft werden.

Interview: Heike Hänsel
Übersetzung: Birgit Bock-Luna

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